Ein Leben für die Heimatstadt Kassel – Willi Seidel - beschreibt seine Erlebnisse und Erfahrungen in seinen Tagebüchern, die hier durch historische Berichte des Zeitgeschehens ergänzt werden, so wie es Willi Seidel auch wollte, um die Zeit für Seine Enkel und Urenkel nachvollziehbar zu machen. Sein Leben beginnt im Kaiserreich, führt durch die Weimarer Republik und der Diktatur der NSDAP. Im Mittelpunkt stehen die Tagebuchaufzeichnungen ergänzt von Berichten der Amtsleiter 1948 als Zusammenfassung des Zustandes der Ämter und Leistung des Wiederaufbaus.

Eine Chronik von 1945 bis 1960 macht die Abfolge des Wiederaufbaus deutlich. Die Erfahrungen Willi Seidels mit den jeweiligen Oberbürgermeistern, seine Mitgliedschaft in der Deutschen Volksparteipartei, der Partei Stresemanns, der Machtübernahme der NSDAP am 24.3.1933, wobei er knapp den Schergen der SA entkam, sorgen dafür, dass er nie der NSDAP beitrat. Seine Aufrichtigkeit, charakterlichen Stärken und exzellente Berufserfahrungen qualifizieren ihn für die Amerikaner für das Amt des Oberbürgermeisters. Sein Name steht immer für den Wiederaufbau der

Stadt und der Durchführung der Bundesgartenschau 1955. Zum Schluss kommen Persönlichkeiten zu Wort, die auch seine Aufrichtigkeit und charakterlichen Stärken während der NS-Zeit würdigen.in abwechslungsreicher Lebensweg vom Kaiserreich, durch die Weimarer Republik, zur Diktatur und 1945 zum Oberbürgermeister nach 1945

In dieser Zeit spielt sich das private und berufliche Leben Willi Seidels ab, der sich 1903 entschieden in den Dienst der Stadt Kassel zu treten.So lernte er während seiner Beamtenlaufbahn

des Aufstieg Kassels als industrieller Mittelpunkt Nordhessen, den Nationalismus und Militarismus kennen sowie Kassel als Garnisonsstadt. Die 1000-Jahr-Feier der Stadt war sicherlich ein Höhepunkt, den er mit seiner Familie genoss. Während des Ersten Weltkrieges war er in der Kriegshilfe eingesetzt und 1918 protokollierte als Stadtsekretär die Sitzungen des Arbeiter- und Soldatenrates. 1927 hatte er den Höhepunkt seiner Karriere als Stadtverwaltungsdirektor erreicht und leitete das Personalamt und die Verwaltungsseminare. Bei der Machtübernahme der NSDAP am 24.3.1933 entkam er nur knapp den SA-Schergen und musste das wichtige Personalamt aufgeben und ins Versicherungsamt wechseln, da er nicht in die NSADP eintreten wollte. Aber seine

exzellenten Fachkenntnisse und Berufserfahrung führten 1935 nur Wiederverwendung als Mitarbeiter des Oberbürgermeisters, der ihm die Aufgaben „Eingemeindung der Vorortgemeinden“ und Aufbau einer Wehrwirtschaftspolitischen Abteilung“ (Aufgaben im Katastrophenfall) anvertraute. Nach der Besetzung Kassels durch die Amerikaner wurde er am 7. April 1945 von den Amerikanern als Kommissarischer Oberbürgermeister eingesetzt. In seinen Tagebuchaufzeichnungen schildert er diese schwere Aufgabe, die zerstörte Stadt wieder aufzubauen.

Zweifellos war der Aufbau der Verwaltung, der Wirtschaft und des politischen Lebens und die Versorgung der Bevölkerung mit dem Lebensnotwendigsten eine der herausragendsten Leistungen, die von der Bundesgartenschau 1955 gekrönt wurde. Der Wiederaufbau ging schleppend voran, da die Stadt erst enttrümmert, Voraussetzungen geschaffen werden mussten um den Wiederaufbau überhaupt beginnen zu können. Gegen Ende seiner Amtszeit 1954 konnte man Erfolge sehen und erahnen, dass Kassel sich zu einer modernen zukunftsfähige Stadt entwickeln würde.

In diesem Buch kommen auch alle Oberbürgermeister zu Wort und es werden einzelne Zeitabschnitte besonders hervorgehoben, so wie es sich Willi Seidel gedacht hatte.


Wirtschaftlicher Aufschwung 1933-1938

Aus den städtischen statistischen Jahresberichten ist zu entnehmen, dass Kassels wirtschaftliche Entwicklung seit dem Jahre 1933 stetig sich zum positiven veränderte. Der tiefe Absturz in der Weltwirtschaftskrise seit 1929 wurde überwunden. Der wirtschaftliche Aufstieg war seit 1933 und die damit verbundenen strukturellen Veränderungen zu erkennen.

Besonders der Rückgang der Arbeitslosigkeit, 1932 wurden noch 21.300 gezählt, ging bis Ende 1933 auf 14.000 zurück. Eine Zahl, die sich bis Ende 1938 auf 440 verminderte, was durch Eignungsprüfung und Umschulung erreicht wurde. Jetzt war ein starker Mangel an Arbeitskräften

in allen Teilen der gewerblichen Wirtschaft zu beklagen.

Ein Tiefstand in der Krankenkassenstatistik wurde überwunden und zeigte 1932 nur 38.000 Mitglieder, 1936 stieg die Zahl auf 60.000 an . Ende des Jahres 1938 waren über 71.000 Erwerbstätige in den genannten Krankenkassen versichert (AOK und 12 Betriebs- und eine Innungskrankenkasse).


1933 zeigt die Tabelle nur noch 910 Mittel- und Großbetriebe mit 24.500 Beschäftigten, d.h. Die Hälfte der Beschäftigten von 1929. In den einzelnen Gewerbegruppen vollzog sich diese Entwicklung unterschiedlich, so fällt die Zahl der Beschäftigten bei Industrie Steine und Erden von 1430 auf 282. Die Zahl der Beschäftigten bei Eisen,- Stahl- und Metallwaren betrug 1933 weniger als die Hälfte von 1929.Besonders stark war der Rückgang in der Gewerbegruppe Maschinen,- Apparate- und Fahrzeugbau.



Die wichtigsten Aufgaben als Oberbürgermeister 1945/1946


General der zentralen amerikanischen Verwaltung in Berlin (OMGUS) wollte den komm. Oberbürgermeister kennenlernen. Er erkundigte sich nach der Herkunft Seidels, seine fachliche Ausbildung und über die aktuelle Lage sowie Not der Bevölkerung, die schon getroffenen oder zu treffenden Maßnahmen zur ihrer Behebung. Auch ob ich an dem Verhalten der Besatzungsmacht etwas auszusetzen habe, wollte er wissen. Die Antwort Seidels war, dass er auf Belästigungen und Übergriffe von Besatzungsangehörigen gegenüber harmlosen Bürgern der Stadt vor allem gegen Frauen verwies. Er habe bisher immer eine hohe Meinung und sie uns etwas vorleben und bessere Menschen sein wollen. Diese Offenheit gefiel dem General überhaupt nicht und bellte:“Herr Oberbürgermeister, wenn sie dies einem franz. Offizier entgegengehalten hätten, der hätte ihnen mit der Reitpeitsche geantwortet.“

Seidel bereute seine Offenheit und rechnete mit schlimmen Konsequenzen. Als Oberstleutnant Bard ihn zu sich kommen ließ, schmunzelte dieser und sagte „Oberbürgermeister, das haben sie gut gemacht.“


Vom Stadtkommandanten Bard zu Sola Ende April 1946

Vorrang Trümmerbeseitigung

Sola zu Seidel bei seinem Antritt: „Oberbürgermeister, der Zustand der Stadt ist miserabel. Was ist bisher zur Beseitigung des Trümmerberges unternommen worden?“

Antwort:

„Über das Arbeitsamt ist versucht worden, Kräfte zu bekommen. Die Gefängnisverwaltung wurde um Hilfe gebeten, aber die Gefangenen seien in der Landwirtschaft tätig. Letztlich wäre es nur möglich, Kriegsgefangene frei zu bekommen oder amerikanische Soldaten einzusetzen. Es handele sich hier um 1000 Mann für drei bis vier Monate. Aber auch Sola war hilflos. So kam Seidel der Gedanke die Trümmerbeseitigung im Wege der Selbsthilfe zu organisieren.

Morgendlicher Rapport beim Stadtkommandanten

(wirtschaftlicher Berater Dr. Fleischer der Firma Henschel, Dr. Reimann von der Spinnfaser und D` Òlaire aus der Firma Glückauf.

Verbesserung der Zustände ausgearbeitet: Wohnungsnot und, Heizungsbrand für die Zivilbevölkerung, die Beschlagnahme von Wohnraum und Einrichtungsgegenstände für die Besatzungsmacht kamen noch hinzu.

Hunderte von Wohnungen waren für die Besatzungsmacht bereitzustellen.


Aber auch bei den Führungskräften gab es Veränderungen, wie zum Beispiel Dr. Voßhage, Finanzdezernent während des Naziregimes, war der Beamte für den ich kämpfte. Nach einiger Zeit musste er ausscheiden, weil es für Bard nicht möglich schien ihn auf Dauer zu halten. Später holte Seidel ihn wieder zurück, da er ein ausgezeichneter Fachmann war und Beziehungen zur Bauwirtschaft hatte. 1953: Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland