Die Kapitulation der "Festung Kassel" am 4. April 1945 vor dem Weinbergbunker

von Dirk Uhse



Mitte März 1945 gelangte ich durch eine Reihe von im militärischen Leben so häufigen Zufällen zum Stab des Kommandanten von Kassel. Hier war ich als  Abwehr-, Gerichts- und Ordonnanzoffizier so eine Art "Mädchen für alles". Kommandant war der Generalmajor Johannes Erzleben, aktiver Offizier der Nachrichtentruppe. Seine Verwendung in der Heimat war durch ein Kriegsleiden bedingt, das ihn offenbar stark behinderte. Ungeachtet dessen hat er, soweit ich das beurteilen kann, sich nach besten Kräften bemüht, seine schwierige und höchst undankbare Stelle so gut wie möglich auszufüllen. Hervorzuheben ist besonders sein Bestreben, der so schwer heimgesuchten Zivilbevölkerung alle vermeidbaren Unannehmlichkeiten zu ersparen. Sein Andenken in Kassel ist leider dadurch getrübt, daß er unmittelbar vor der Kapitulation versehentlich einen Mann niederschoß, den er für einen Plünderer gehalten hatte. Aber auch diese Tat ging letzten Endes auf seine stete Sorge zurück, die Zivilbevölkerung könne durch Ausschreitungen gefährdet oder geschädigt werden.
Sein Stab bestand größtenteils aus älteren Offizieren des Berurlaubungsstandes. Ein Eingehen auf ihre Zusammensetzung würde hier zu weit führen. Die Mehrzahl dieser Offiziere hat aber ihre oft schwere Pflicht stets getan. Dies ausdrücklich anzuerkennen, halte ich für meine Pflicht. Wesentliche Aufgabe des Kommandanten war die Verteidigung der "Festung Kassel". Diese Festung bestand in dem weitgehend ausgebombten Kassel. Verteidigungsanlagen habe ich nicht gesehen, wenn man nicht einige sehr fragwürdige Barrikaden auf den Ausfallstraßen als solche ansehen will. Den Kern der Besatzung bildeten die Angehörigen der Kasseler Ersatztruppenteile. Die Haltung dieser teils noch sehr jungen, teils überalterten, oftmals verwundet gewesenen Soldaten war höchst anerkennenswert. Sie wurde unterstützt (!) durch Rekonvaleszenten, Versprengte, Heimatflak, Polizei, Arbeitsdienst und kroatische Landstürmer. Die Kopfstärke dieser Garnision ist mir nicht bekannt. In keinem Fall war sie in der Lage, die weitausgedehnte Stadt auch nur gegen einen Infanterieangriff zu halten. Dazu kam die völlig unzulängliche Bewaffnung. Die Festungsartillerie wurde, wie man so schön sagte, "durch Flaggen dargestellt", doch sollten einige, nicht bewegliche Flakgeschütze vorhanden gewesen sein. Im übrigen sah man Infanteriewaffen, die sich in einem Heeresmuseum besser ausgenommen hätten, als in den Händen einer Kampftruppe.
Je mehr die Zeit fortschreitet, desto hektischer wurden die Durchhalteparolen. Der "Endsieg" und die "Wunderwaffe" spielten eine große Rolle. Im Rahmen einer Absetzbewegung (auf gut Deutsch: Rückzug) kam durch Kassel der Stab eines Generalkommandos. Der Kommandierende ließ keinen Zweifel darüber, was mit denen geschehen würde, die nicht "bis zum äußersten halten" würden. Dann setzte er sich weiter gen Osten ab. Anfang April tauchten in Kassel zwei Beauftragte des Reichsführers SS in mir unbekannten Uniformen auf. Sie sahen aus wie Gangster und benahmen sich auch so. Auch sie forderten Verteidigung "bis zur letzten Patrone", andernfalls würden Standgerichte den Widerstandswillen etwas ankurbeln. Dann verschwanden auch diese beiden Widerständler ebenso plötzlich wie sie erschienen waren. Von allen Seiten und auf jede denkbare Weise wurde der Kommandant von Kassel unter Druck gesetzt, seine "Festung" bis zum letzten Mann zu halten.



Um die Wende März/April 1945 drangen die Amerikaner in die Räume südlich von Kassel vor. Die Kämpfe im "Vorfeld der Festung" flackerten auf. Am 3. April 1945 war ich fast den ganzen Tag über mit dem Krad unterwegs gewesen. Spät abends kehrte ich in den Weinbergbunker zurück, den Gefechtsstand des Stadt- bzw. Kampfkommandanten. Todmüde legte ich mich in einem Winkel schlafen. Mitten in der Nacht wurde ich geweckt und zum General geholt. Ein jüngerer Offizier sagte mir vorher, es solle ein Parlamentär zu den Amerikanern geschickt werden, der General fände aber keinen. Als ich den Befehlsraum betrat, sah ich General Erxleben an einem Tisch sitzen, um ihn heraum mehrere ältere Offziere. Düsteres Schweigen. In einer Ecke bemerkte ich die blasse und übermüdete Frau des Generals, die ihrem kränkelnden und pflegebedürftigen Mann in den Bunker begleitet und dort betreut hatte. Überhaupt sollen damals im Weinberg über 4000 Zivilpersonen Zuflucht gefunden haben. Erxleben fragte mich, ob ich in seinen Auftrag als Parlamentär zu dem amerikanischen Befehlshaber gehen wolle. Schlaftrunken brachte ich das obligatorische "zu Befehl" heraus. Jetzt wurde der Kommandant lebhaft. Er erklärte mir nachdrücklich, es handle sich keineswegs um einen Befehl. Er bittet mich vielmehr darum, ihm diesen Gefallen zu tun und wolle mir nicht verhehlen, daß die Ausführung des Auftrags in mehr als einer Hinsicht überaus riskant sei. Nun werde auch ich munter. Aber ich sah keine Veranlassung, die Bitte meines Vorgesetzten nicht zu erfüllen. Daß die Verteidigung dieser sogenannten "Festung" Wahnsinn war, konnte jedes Kind einsehen. Der General beauftragete mich nun, den amerikanischen Befehlshaber aufzusuchen und mit ihm entweder freien Abzug für die Reste der Truppe oder wenigstens für die Zivilbevölkerung auszuhandeln.


Jetzt kam es zu einer rührenden Szene. Als ich mein Koppel abschnallte - ich hatte mal gehört, man dürfe als Parlamentär keine Waffen tragen - trat die Frau des Generals plötzlich auf mich zu und umarmte mich schweigend. Dann machte ich mich auf den Weg.  Ein Dolmetscher und ein Feldwebel sollten mich begleiten. Der erste - meiner Erinnerung nach ein Kasseler Arzt (Dr. Sommerfeld) - hatte sich freiwillig dazu gemeldet. Von den guten Wünschen der Posten und Umstehenden begleitet, kletterten wir über die große Barrikade in der Frankfurter Straße, in Höhe des früheren Geschäfts Bleil & Wögerer, am Fuße des Weinbergs. Dann marschierten wir langsam und feierlich bei strahlend hellem Mondschein stadtauswärts. Ich hatte meine beiden Begleiter gebeten, möglichst weit zurückzubleiben, damit wir beim "Fall der Fälle" nicht alle drei auf einmal erledigt würden. Während ich mich bemühte, mich nicht ständig mit den Füßen in die Drähte der heraubgeschossenen Oberleitung der Straßenbahn zu verwickeln, schoß es rechts und links in den Seitenstraßen des Aueviertels, huschten einzelne Schatten um die Ecken, stiegen Leuchtraketen auf und klatschten Splitter und Trümmerstücke auf das Pflaster. Unmittelbar vor dem Tor der Jägerkaserne stieß ich auf den vordersten amerikansichen Gefechtsvorposten. Er war offenbar sehr müde und döste im Stehen. Als ich plötzlich vor ihm stand, erschrak er derartig, daß er beinahe über das neben ihm stehende MG gefallen wäre. Mit Hilfe unseres Dolmetschers bemühte ich mich, den sehr mißtrauischen Amerikanern meine Absicht verständlich zu machen. Wir wurden darauf unter achtungsgebietender, bis an die Zähne bewaffneteer Eskorte in den Vorraum des ehemaligen Husaren-Kasinos (des späteren Paradise-Clubs) gebracht. Hier durchsuchte man uns auf Waffen und nahm uns alles ab, was die Sicherheit der US-Army gefährden konnte. Üerraschender Weise gehörten auch unsere Uhren dazu. Als wir Bedenken hiergegen äußerten, wurden diese unter Vorhalten der Schußwaffe zerstreut. Dann führte man uns, wiederum unter stärkster Bedeckung, in den Hof eines Grundstücks auf der linken Seite der Frankfurter Straße, kurz vor der Bahnüberführung. Hier mußten wir drei - es war ganz schön frisch - uns platt auf den Boden setzen. Unsere Bewacher stellten sich im Halbkreis vor bzw. um  uns auf. Sie vertrieben sich und uns die Zeit damit, daß sie Anschlag- und Zielübungen auf uns machten. Da sie nicht ganz nüchtern zu sein schienen, war dieser Zeitvertreib etwas beunruhigend, wenigstens für uns. Im Morgengrauen des 4. April wurde es mir langweilig. Ich wurde dringlich und erreichte es schließlich, daß wir mit dem Jeep in eine Seitenstraße zwischen Oberzwehrener und Rengershäuser Straße gefahren wurden. In einem kleinen Einfamilienhaus empfing uns ein amerikanischer Kapitän. Er sprach ein akzentfreies Deutsch fließend. Aus den Telefongesprächen, die er in meiner Gegenwart führte, schloß ich, daß er eine Art von Abwehroffizier war, der Kriegsgefangenenangelegenheiten bearbeitete. Ihm konnte ich endlich den Zweck meines Kommens klar machen. Schon nach kurzer Zeit fur jetzt ein Jeep vor. Ihm entstieg ein amerikansicher General und sein Adjutant. Der General sah glänzend aus, sprach aber nicht Deutsch. Aber ich biß auf Granit. Der Amerikaner war höflich, aber nicht zu bereden. Er ließ mich durch den dolmetschenden Kapitän bitten, meinem Kommandeur seine Anerkennung der tapferen Haltung unserer Soldaten zu übermitteln. Aber eine Waffenruhe zum Abzug entweder der Besatzung oder der Zivilisten könne er nicht bewilligen. Entweder würde kapituliert oder weiter gekämpft. Ich glaube unter diesen Umständen meinen Auftrag wenigstens sinngemäß auszuführen, wenn ich mich für das erste entschied. Der, der das zerbombte Kassel und seine verängstigte Bevölkerung damals nicht erlebt hat, möge mich verurteilen. 


Nachdem nun eine Einigung erzielt war, hielt ich es für angebracht, unsere Ausplünderung zu erwähnen. Ich hatte die Genugtuung, daß sofort ein Offzier mit mir losgeschickt wurde, der diesen Fall klären sollte. Obwohl ich ebensowenig englisch verstand, wie der mich begleitende, sehr sympatisch wirkende Filmstar in Uniform, Deutsch, gelang es ihm in kürzester Zeit, meine Uhr herbeizuzaubern. Die meiner Begleiter dagegen blieben verschwunden.
Auf der Weiterfahrt führte mich der Offzier - offenbar nicht ohne Absicht - an der zum Einsatz aufgefahrenen amerikanischen Artillerie vorbei. Mir gingen die Augen über, als ich hier, etwa im Raum des Verpflegungsamtes (des jetzigen Magazinhofes) Geschütz dicht an Geschütz, schwerere, mittlere und leichte Kaliber aufgefahren sah. bei einer Feuereröffnung wäre wohl von Kassel nichts mehr übrig geblieben - und es stand ohnehin nicht mehr übertrieben viel. In der Crede´schen Villa (ich glaube, sie war es) fanden wir eine große Zahl von amerikansichen Offizieren vor. Die verhältnismäßig einfachen Vereinbarungen wurden festgelegt. Dann wurde ich wieder in die Nähe der Kampflinien gefahren. Zwei Kompanieführer, deren Infanteristen zwischen Landaustraße und Karlsaue gegen die Frankfurter Straße vorgetrungen waren und mit unseren Schützen auf und am Weinberg plänkelten, nahmen sich meiner an. Wir krochen und kletterten durch Keller und Waschküchen, über Höfe und Bleichplätze. Aus einer verlassenen Wohnung "requirierten" wir einen Spazierstock und ein Frottiertuch. Damit wurde eine weiße Fahne improvisiert. Dann schlichen wir uns um die Ecke der Frankfurter Straße / An der Karlsaue. Die beiden Amerikaner klopften mir kräftig auf die Schulter und ließen ihre Schützen "stopfen". Während wir nun auf dieser Seite das Feuer für kurze Zeit schwieg, flitzte ich mit geschwungener Fahne auf unsere Barrikade los. Die verdutzten Posten begrüßten mich trotz meiner deutschen Uniform mit Schüssen, die indes zu meiner freudigen Überraschung fehl gingen. Dann meldete ich das Ergebnis meiner Sendung und stand bereits eine Stunde später auf der Ladefläche eines LKW, der mich in die Gefangenschaft trug.


Die letzten Kriegstage in Kassel im und um den Weinbergbunker

aus der Sicht einer damals 16jährigen
Bei allen Freunden und Bekannten, die sich noch in der zerbombten Stadt aufhielten, herrschte Aufbruchstimmung. Alle, die Verwandte oder Freunde irgendwo auf dem Land hatten, traten zu Fuß und mit allem beladen, was sie tragen konnten, den Weg dorthin an. wo sie sich sicherer glaubten. Am Karfreitag 1945 gab es den ersten "Panzeralarm", etwas Neues im Gegensatz zum sonst gewohnten Fliegeralarm. Wenn es möglich war, haben wir den Bunker auch zeitweise verlassen und konnten in der Stadt umherschweifen. An verschiedenen Orten der Stadt wurden jetzt Lebensmittel; Getränke und zum Teil auch Kleidung marken- und bezugsfrei an die Bevölkerung ausgegeben.  So etwas sprach sich immer blitzschnell herum. Manchmal wurde allerdings auch anders verfahren: Am Zwehrenturm hielt der General Erxleben einen Wehrmachts-LKW an, befahl den Soldaten abzusteigen, dort deponierten Sekt aus dem Keller zu schaffen und dann die Flaschen an der Mauer zu zerschlagen, welch sinnvolle Tätigkeit er höchstpersönlich mit gezogener Pistole überwachte. Immerhin, ich hatte auf meinen Streifzügen einige Vorräte ergattert: Butter, Wein. Kunsthonig. Einen Teil dieser Schätze tauschte ich mit einer Krankenschwester gegen ein Röhrchen doppelstarke Veronal-Tabletten; man konnte ja nie wissen, was uns bevorstand. Zwar eilten den anrückenden Amerikanern nicht solche Schreckensmeldungen wie den Russen voraus, aber konnte man von Gegnern, die mit Bomben und Bordwaffen Jagd auf wehrlose Frauen und Kindern machten, korrektes Verhalten erwarten, wenn man ihnen in die Hände fiel? Jedenfalls, das Röhrchen Veronal zu besitzen, hatte schon etwas Beruhigendes an sich. Man war gerüstet für alle Fälle. In diesen letzten Tagen außerhalb des Bunkers sah ich vieles, was ich nicht vergessen werde: Da war ein junger Leutnant, der mit ein paar Tiger-Panzern, den inzwischen bis Oberzwehren angelangten, zahlen- und materialmäßig weit überlegenen Amerikanern entgegen fuhr, in der Hoffung, das Blatt noch wenden zu können, und bei diesem Einsatz fiel. Ein versprengter Offizier fragte in der Frankfurter Straße einem aus dem Fenster schauenden Metzgermeister nach dem Weg zum General-Kommando, und der antwortete nur:"General-Kommando? -hier gibt es höchstens eine Frontleitstelle, fragen sie mal im Bunker nach." Ebenfalls in der Frankfurter Straße begegnete mir ein Soldat, der von panischer Angst ergriffen war. Er fragte mich, wie er wohl am besten in Richtung Norden oder Osten aus der Stadt herauskäme, ohne angehalten zu werden. "Ich will raus hier aus Kassel, nur raus", schrie er dem Weinen nahe. Zwar war ich über diesen Mangel an Kampfmoral zutiefst entsetzt - bei meiner damaligen Einstellung, war ein solches Verhalten einfach unmöglich - trotzdem schilderte ich ihm nach besten Wissen den Weg zur Flucht und wünschte ihm, daß ihn der "Heldenklau!" (so nannte man damals die Feldjäger, die versprengte oder flüchtige Soldaten einsammelten) nicht doch noch erwischte. Schließlich konnte man von einem solchen Nervenbündel sowieso keinen wirksamen Beitrag zur Verteidigung unserer Stadt erwarten, also sollte er sich besser aus dem Staube machen, so dachte ich. Dann war da noch, ebenfalls unvergessen, ein älterer Herr, der Mitglied der NSDAP war. Meine Freundin und ich diskutierten mit ihm über die ausweglose Lage und auch Selbstmord kam zur Sprache. Er sagte zu uns:"Für den Nationalsozialisten ist Selbstmord keine Lösung. Der Nationalsozialist wird immer sehen wollen wie es weitergeht und wie er zum Wohle seines Volkes leben und arbeiten kann." 


Ja, dann war es soweit. Wir konnten den Bunker nicht mehr verlassen und wir saßen wie Mäuse in der Falle. Hatte uns gestern noch der Gauleiter (Oder war es nur sein Vertreter ?) eine heroische Rede gehalten des Inhalts, daß der Führer auf Kassel blickt, Kassel muß verteidigt werden bis zum letzten Mann, bis zur letzten Frau, bis zum letzten Kind etc. ect. ect., so war dieser Mann plötzlich verschwunden, desgleichen alle höheren Parteifunktionäre (im Volksmund "Goldfasane" genannt). Nur die Wehrmacht war nun anscheinend zuständig für alles. Unter den Soldaten, die im Bunker auf ihren nächsten Einsatz warteten, waren auch zwei junge Bayern, mit denen wir Freundschaft geschlossen hatten. Einer von ihnen hieß Franzel. Alle unsere Gespräche kreisten immer wieder um die Frage, ob ein günstiger Ausgang des Krieges noch möglich war. Wir alle wußten, daß nur ein Wunder eine Wende hätte herbeiführen können, und daß Wunder sich höchst selten ereignen, praktisch so gut wie nie. Der Franzel meinte dazu:"Dieser Krieg ist zu früh gekommen, der Nationalsozuialismus ist zu jung, um als Weltanschauung in der ganzen Bevölkerung verwurzelt zu sein. Wir haben jetzt keine Wahl. Wir müssen unsere Pflicht tun." Tröstend fügte ich hinzu: "Wenn man immer seine Pflicht tut, dann hat man auch einen Schutzengel." Am Abend sagte er mir, er wolle in der kommenden Nacht mit seinem Zug einen Ausbruch versuchen und redete mir zu, doch mitzukommen. Es war ein Abschied für immer, denn der Franzel ist in den letzten Kriegstagen in der Lüneburger Heide gefallen. Das erfuhr ich erst zwei Monate später. Der Ausbruch aus dem Bunker und aus Kassel gelang ohne Verluste. Am nächsten Tag stellten die Amerikaner ein Ultimatum und dann ging alles sehr schnell. Einige beherzte Männer, unter ihnen Dr. Sommerfeld, gingen heraus, um mit den Amerikanern zu verhandeln. Baumlange Amerikaner kamen herein, Pistolen und MG im Anschlag. Sie suchten überall nach Waffen, fanden aber nichts. Wir durften kurz darauf den Bunker verlassen. Ein Kapitel "Südstadt-Geschichte" war abgeschlossen - jedenfalls vorläufig.


Bunkerplanbeschreibung von den Eingängen und Stollen:  
Nr. 8 : Sanitätsraum mit Dr. Sommerfeld, Dr. Schreiber,   Sanitätsstation mit Krankenstation  benutzt auch für Entlausung der Soldaten während des Krieges, ein Raum diente für Lagerung der Lebensmittelkarten. Werner Fest: "Vor dem Eingang acht stand eine lange Splitterwand-Schutzmauer, Ausstattung der Gänge mit schmalen Holzbänken. Jedes Mal, wenn ein Verwundeter Soldat hereingetragen wurde, mussten wir auf die Bänke steigen, damit die Sanitäter durchgehen konnten. Es wurde gemunkelt, dass die Ärzte beim Kommandanten waren, der im Fluko-Bunker  Nr. 4a residierte, um ihn zur Kapitulation zu bewegen. Dr. Sommerfeld hatte einen großen Einfluss und nahm dann auch an den Verhandlungen in Niederzwehren bei Crede` teil, da er gut englisch sprechen  konnte."

Bunker 1: Vorratsraum für Lebensmittel, Militär usw...
                  Schweinefleich, Schmalzpakete, Mehl, Fett, Reis usw..
Bunker 4a: Befehlsbunker mit technischen Anlagen,  Fernschreiben,                      
                      Telefon usw.,  General v. Erxleben.
Ausstattung: einfache Betten oder Bänke, Lichtanlagen, Notlampen, WC und Waschanlagen.
Nr. 6:    Hier standen die Betten längs an der Wand, gegenüber nur
              Bänke an der Wand
Nr. 6a:  Mit Kabinen mit Betten
Nr. 5:   nur Durchgangsstollen
Nr. 2:  Lebensmittelvorrat
Nr. 3+4  wurden auch von Bewohnern der Oberneustadt benutzt

Die Bombennacht des 22. Oktober 1943


Erlebnisse des 17-jährigen Werner Fest, geb. am 23.10.1927, Heckerstraße 89. Er hatte gerade Geburtstag als die Stadt von alliierten Bomberverbänden vernichtet wurde. "Ich war als Melder bei der Luftschutztruppe in der Bürgerschule 29/30 eingesetzt. Bei Luftangriffen mussten wir uns so schnell wie möglich dort einfinden. Am Abend des 22. Oktober 1943 gingen besonders auf die Innenstadt/Altstadt der Stadt Kassel riesige Mengen Bomben in drei Angriffswellen nieder. Ich meldete mich sofort in der Schule und wir wurden eingeteilt. Nach der ersten Angriffswelle verkündete unser Einsatzleiter Schumacher:: "Das Erste Polizeirevier in der Frankfurter Straße ist zu räumen." Wir fuhren als Bergungstrupp mit unserem Kübelwagen den Weinberg hinauf, mussten das Auto jedoch auf halber Strecke verlassen, weil  uns durch Phosphor, das mit den Bomben abgeworfen wurde, die Reifen weggebrannt waren. Wir nahmen Sauerstoffbehälter und Atemschutzgeräte und liefen in die völlig zerstörte Innenstadt. Das Erste Polizeirevier in der Frankfurter Straße war nicht mehr vorhanden, deshalb rannten wir auf den Friedrichsplatz. Dort wurden Bergungstrupps von jeweils sieben Personen zusammengestellt. Unser Auftrag war, die in den Kellern der Häuser befindlichen Personen ( lebendig oder tot) zu bergen.
Wenn die Eingänge freigeschaufelt waren, liefen wir von einem Keller zum anderen und gaben den leblosen Menschen Sauerstoffduschen. Wenn sie sich danach nicht bewegten, wurden sie auf die Seite der Toten gelegt. Den anderen wenigen wurde geholfen, ins Freie zu gelangen. Es ist allerdings auch vorgekommen, dass auf der Seite der " Toten" plötzlich eine Person aufstand, weil sie nur ohnmächtig war. In dieser Nacht wurden in Kassel zigtausend Personen durch den Luftangriff getötet. Der Vater meiner Frau hat in dieser Nacht seine  Ehefrau, seinen Sohn, seine Tochter und seinen Vater verloren. Dass ich dies überstanden habe, war ein Wunder. Als ich an dem nachfolgenden Tag meine Oma wieder gesehen habe, begrüßte sie mich und gratulierte mir zu meinem 16. Geburtstag. Bei all den Aufregungen und Strapazen hatte ich dies fast vergessen."

Ein junger Soldat und das Kriegsende

Werner Fest kam schon mit 17 als begeisterter Flieger zur Wehrmacht, zuerst nach Frankreich, dann nach Osten und zum Schluss sorgte Max Kegel Offizier in Eschwege dafür, dass die "Jungs" nach Eschwege zur Platzkommandantur kamen. Er hat sie angefordert und auf diese Weise konnte er ihr Leben retten. Das Kriegsende hat er dann in Kassel in Zivil erlebt. Auf Anraten seiner Oma musste er kurze Hosen anziehe, um nicht in die Gefangenschaft zu kommen. Genutzt hat es nichts, da er später denunziert wurde und nach Frankreich in die Gefangenschaft kam. Zuvor aber musste er mit gleichaltrigen Jungs die letzten Bombenangriffe auf die Südstadt und Kassel erleben und war im Weinbergbunker als es um die Entscheidung ging, die Festung Kassel aufzugeben. Jetzt wohnten sie in der Johannesstraße 5 und konnten das Haus, als die Brandbomben es trafen, retten. In jedem Haus standen Wassereimer, Äxte und Werkzeug bereit, um löschen zu können. Aber mit dem einfachen Löschen war nichts gewonnen, so dass man die in Brand geratenen Balken und Haushaltsgegenstände einfach aus dem Fenster warf, mit Äxten abhackte oder mit einer Schaufel die Bombe ins Freie brachte. "Wir jungen Burschen kannten uns schon mit den Bomben aus und wussten, ob sie gefährlich waren, jederzeit hoch gehen konnten oder einfach schon ausgebrannt waren. Viele Bomben aber brannten und verbreiteten eine unglaubliche Hitze. Nichts wie hinaus damit. So konnte einiges gerettet werden. Manchmal nur bis zur nächsten Angriffswelle. Bei dieser unglaublichen Hitze nützten auch die Sandeimer wenig. Wenn ich es mir heute so überlege, welchen großen Gefahren wir uns dabei aussetzten, und woher wir den Mut nahmen, so ist das nicht zu erklären. Es ging einfach ums Überleben und man vertraute auf die bitteren Erfahrungen, die man schon als junger Mensch hatte.

Eine Entbindung im Weinbergbunker

Als ich einmal in die Nähe des Sanitätsraumes kam, wo Dr. Sommerfeld eine Entbindung vorbereitete, musste ich ihm helfen. Bei der Aufregung bekam wohl die junge Frau ihr Kind zu früh. Dr. Sommerfeld sonst ruhig und besonnen, gab kurz und knapp Befehle auch an die Frau, befahl mir einfach die Frau festzuhalten, damit er das Kind im Unterleib drehen konnte und die Geburt "normal" eingeleitet werden konnte. Alles verlief gut. Bei den Angriffen war die Stimmung im Bunker gedrückt, manchmal wirkten die Menschen auch apathisch und niedergeschlagen, bei jeder Bombe die auf den Weinberg fiel, wackelte der Bunker wie ein Schiff, Steine und Staub rieselten die Wänden entlang. Jede Bombe haben wir am ganzen Körper gespürt. Wenn es dann ruhig war, dann nichts wie raus, schnell frische Luft schöpfen und durchatmen. Die, die konnten, liefen immer schnell aus dem Bunker, auch um zu sehen, was zerstört war, inzwischen passten andere auf die Sachen im Bunker auf. Bis wieder eine neue Angriffswelle kam. Im Bunker breitete sich auch der Geruch von den Phosphorbomben aus. Unsere Stiefelsohlen schmolzen einfach ab, wenn wir mit Phosphor in Berührung kamen. Phosphor lief an den Hauswänden herunter, denn die Phosphorkanister platzten einfach und der Phosphor entzündete sich selbst. Ein grausames Bild, Häuser brannten und auch die Menschen, die damit in Berührung kamen. Manchmal blieben die Straßenbahnen direkt vor dem Bunker stehen, die Menschen strömten in den Bunker und die Straßenbahn wurde gesichert, die Fahrleitung eingefahren und sich erst einmal in Sicherheit gebracht.
Und die Gespräche im Bunker, besonders in den letzten Wochen des Krieges handelten nur noch davon, wo es etwas zu essen gab, wo Wasser, wo wir wohnen konnten und wo die Nachbarn oder Freunde geblieben sind. Ältere Menschen zogen sich erst gar nicht mehr aus, sie waren immer startbereit. Das Köfferchen war immer gepackt, damit sie sofort losgehen konnten.
Die alltägliche Sorge um das tägliche Brot
"Dann hieß es plötzlich der Lebensmittelbunker sei frei gegeben. Jeder lief hin, um etwas zu ergattern. Auch zwei Russen wurden gesichtet, die dann zu Erxleben gebacht wurden, der veranlasste, dass sie erschossen werden sollte. Der Unteroffizier Hering wurde beauftragt, sie in die Hofbleiche zu bringen. Viele schauten zu, wie er die Russen mit erhobenen Händen vor sich hertrieb. Er, so erinnerte sich Werner Fest, übergab die Russen den Amerikanern, die schon in Höhe Ludwig-Mond-Straße stationiert waren oder ließ sie dort frei. Die Situation wurde immer unübersichtlicher. Plötzlich wurde bekannt, das Heeresverpflegungsmagazin an der Frankfurter Straße sei freigegeben und ein Waggon mit Butter stand im Zwehrener Bahnhof, da rannten wir hin und ergatterten tatsächlich zwei Fässer mit Butter, die wir in Sicherheit brachten. Dann erschien der Standortkommandant von Erxleben mit der Feldgendarmerie im Innenhof und schrie "Ihr habt geplündert und werdet erschossen." Er riss den Leuten die Flaschen mit Schnaps aus der Hand und zerschlug sie auf dem Boden. Einer jedoch kam dem Befehl nicht nach und trank noch einen Schluck. Er wurde erschossen und ich musste es aus nächster Nähe mit ansehen. Die Leiche wurde auf einen Handwagen gelegt und lag da noch, als die Amerikaner einrückten, allerdings schon ohne Schuhe."

Die letzten Toten am Weinberg

"Im Bunker wurde die Situation immer unerträglicher, kein Wasser und verstopfte Toilettenanlagen kennzeichneten die Situation. Es hat teilweise bestialisch gestunken. Etwas später, als die Amerikaner schon bis zur Straße "an der Karlsaue" vorgerückt waren, gab es immer noch keine Entscheidung vom General Erxleben die Festung und den Bunker  zu übergeben, so dass die Scharfschützen aus den Häusern heraus den Weinberg unter Beschuss nahmen. So auch als einige Landser hinter einer Splitterwand nur eine Zigarette rauchen wollten. "Der Soldat neben mir", so berichtete Werner Fest, "bekam zwei Schüsse ab und wurde sofort von Dr. Sommerfeld behandelt, Gott sei Dank waren es glatte Durchschüsse und so konnte er gerettet werden. Dann kam endlich das Ende. Die Soldaten legten ihre Waffen nieder, die Offiziere ihre Pistolen und gingen vor den Bunker. Dr. Sommerfeld, der gut englisch sprach, musste noch über eine Barrikade krabbeln, die unterhalb des Weinbergs aufgebaut war. Dann kam ein amerikanischer Räumungspanzer und beseitigte unsere Barrikade, die wir mühsam aufgebaut hatten wie eine Streichholzschachtel. Dafür hatten wir soviel Kraft aufgebracht. Dann wurden die Soldaten abtransportiert."
Der Krieg war zu Ende - der Kampf ums Überleben begann
Wir brauchten lange, um uns daran zu gewöhnen, dass es keinen Fliegeralarm mehr gab. Wir konnten durchschlafen. Aber jetzt gab es den täglichen Überlebenskampf. Der Kampf ums Wasser. Dieses holten wir aus einem Brunnen im Auefeld mit Handwagen, Badewannen und was sonst noch an Behältern da waren. Es gab keine Läden, keine Lebensmittelkarten - nichts. Wir bettelten uns so durch, vor allem bei den Amis und tauschten alles mögliche für Zigaretten und Lebensmittel. In der Karlsaue hatten sie große Lager aufgeschlagen. Die Soldaten bekamen gute Verpflegung, was sie nicht mochten, konnten wir Jungs ergattern oder aufsammeln. Ich weiß noch, dass sie keine Leber mochten, so kamen wir in dem Genus, und zum ersten Mal aßen wir Erdnussbutter. Manchmal warfen sie auch halbvolle Dosen von Fleisch oder andere Lebensmittel weg. Eine Beute für uns. Als Jugendliche kamen wir schnell ins Gespräch mit den Soldaten. Die Amerikaner hatten ihr Tanzlokal (Hopo-Club) nach dem Krieg in der Roongaststätte (gegenüber der Infanteriekaserne). Wir hatten keinen Eintritt, hörten aber die Musik, die uns begeisterte und die wir schon immer gern hören wollten. So haben wir unseren ersten Tanzabend im "Frankfurter Hof" bei Bode organisiert. Wir haben ihn gefragt, ob wir den Saal reparieren durften und auch die Bühne, so konnten wir eine Band zusammenstellen und auch selbst Getränke mixen. Außer selbstgebrannten Schnaps gab es nichts alkoholisches, jedenfalls nicht 1946. Aber der  Wunsch endlich zu tanzen, Musik zu machen war stärker. Natürlich mussten wir auf die Kontrollen achten, aber die Amis hatten für uns junge Menschen Verständnis. Für mich ging dann doch alles gut, ich bekam einen Job als Tellerwäscher, dann als Koch bei den Amis. Jetzt hatte ich wieder gut zu essen. Dann übernahm ich eine Tankstelle an der Leuschnerstraße und kurze Zeit später bekam ich -nach dem ich nach dem Krieg sofort meine Lehre als Feinmechaniker abgeschlossen hatte- einen Job als Kältetechniker  bei einer großen US-Firma in Frankfurt und lernte jetzt Europa und Afrika kennen und baute für die Amerikaner viele Kühlhäuser bis ich 1960 in Fuldatal meine eigene  Schlosserei aufbaute. Bis dahin lebten wir in der Johannesstraße 5. 

Südstadtfrauen bei der Trümmerbeseitigung am Ständeplatz und der Auehang nach dem Krieg.

Meine Damen und Herren
Als Buchautor habe ich mich immer wieder mit der Zerstörung und Wiederaufbau der Stadt beschäftigt, zuletzt in “Streifzüge durch Weinberg, Auehang und Südstadt.”
Indem das Thema Kassel 70 Jahre nach Kriegsende dargestellt wird.
Ich sah Willi Seidel im Mittelpunkt des Wiederaufbaus.
Durch die “Vergangenheiten” habe ich mich veranlasst gefühlt, meine Meinung zu sagen.
Ich möchte mich zuerst über den Verwaltungsfachmann und
 Menschen  Willi Seidel äußern.

Die Lebensgeschichte Seidels ist in umfangreichen Artikeln der HNA 1952,  alle 10 Jahre bis 1975 dargestellt worden, wobei auch umfangreiche Auszüge aus seinem Tagebuch und Erinnerungen veröffentlicht wurden.
Was darin nicht vorkommt ist, das die wehrwirtschaftspolitische Abteilung
im Krieg auch mit kommunalpolitischen besonderen Aufgaben beraut wurde.
Als leitender Beamter wird er sicher viele Dinge gewusst und organisatorisch mitgewirkt haben, aber wie die Autoren schreiben, sie haben den Terror nicht ausgeübt.

Willi Seidel trat 1903 in den Dienst der Stadtverwaltung und wurde 1914 Magistratssekretär,
und diente unter  Oberbürgermeistern Koch (1913-1919) berief  mich nach Besprechung mit dem Ratsvorsitzenden Grezeszinski, mich als Protokollführer bei den Sitzungen des Arbeiter- und Soldatenrates 1918/1920; einzusetzen. Meine Aufgabe warf es dafür zu sorgen, dass die zu fassenden Beschlüsse nicht mit den Interessen der städtischen Verwaltung kollidierten.

Philipp Scheidemann, ebenso wie unter Stadtler, 1927 Stadtverwaltungsdirektor, und unter OBM  Lahmeyer beauftragt mit Eingemeindungen der ländlicher Vororte 1936 und  der Kriegsbewirtschaftung 1938- 1945 .
Alle betrauten ihn mit besonderen Aufgaben, ob als Oder in den 1930er Jahren bei den Eingemeindungen der Vororte und der
Planung der Planungen für den Katastrophenfall.

Im November 1918 muss er die heimkehrenden Soldaten und den Empfang von Hindenburg erlebt haben. Er wurde vom damaligen “OBM Koch-Weser nach Besprechung mit dem Ratsvorsitzenden Grezesinski, beauftragt, die Sitzungen des Arbeiter und Soldatenrates ( der Ratsvorsitzenden) mit der Protokollführung beauftragt.
Meine zusätzliche Aufgabe war es, dass die zu fassenden Beschlüsse nicht mit den Interessen der städtischen Verwaltung kollidierten. Zwei Jahre dauerte die Tätigkeit, bus sich eine arbeitsfähige Regierungsgewalt gebildet hatte.”
( Aufzeichnungen von Willi Seidel für seine Kinder, Enkel und Urenkel mit em Titel “Erinnerungen”, hier das Kapitel “Als Protokollführer im Arbeiter- und Soldatenrat“.
Er schreibt, “das der Arbeiter- und Soldatenrat  seine Aufgabe als Ordnungshüter in jeder Hinsicht erfüllt hat, obwohl ich bei der Übernahme dieser Tätigkeit -schon meinen sonstigen dienstlichen Verpflichtungen - nicht ganz bedenkenfrei gewesen bin. Ich hätte das Angebot von OBM Koch gar nicht abzulehnen gewagt. Er war wohl ein Demokrat nach dem Parteibuch, aber in seiner Art ein Diktator. Sein Wunsch glich auch in diesem Falle einem Befehl. Letzten Endes war ich ihm sogar dankbar, dass er mir Gelegenheit gegeben hatte, meinen Gesichtskreis auch auf einem mir sonst nicht zugänglichem Gebiet zu erweitern.”

1. Die Loge Odd Fellows
     Ein Orden mit ethischen Geboten und dem Leitspruch: Freundschaft, Liebe und Wahrheit und zum wohltätigen Wirken und Aufforderung zum humanen Denken und Handeln verpflichtet.

Freundschaft oder zumindest freundschaftliche Beziehungen kamen auch im NS-geführten Rathaus mit anderen Sachgebietsleitern zustande.

Die Machtübernahme - Prügeleien mit Misshandlungen und Todesfolge

Unter Führung seiner Partei kam es im Parlament schon frühzeitig zu Ausschreitungen und tumultartiger Szenen.
Im Besitz der Machtfülle nutze er sie gründlich und gewissenlos aus.
Am Tag der Machtübernahme stand er im Rathausvestibül mit einer ihm zugespielten Namensliste von als Gegner des nat.soz. Regimes bekannten  städtischen Beamten in leitender Funktion. Er ließ sie aus den Amtszimmern herausholen, über die Rathaustreppe hinunter stoßen und in den so genannten Bürgersälen in der Oberen Karlsstraße von SA Männern verprügeln. In einigen Fällen waren die Misshandlungen so groß, dass die Betroffenen mehrere Wochen  sogar ins Krankenhaus mussten. In einem Fall liefen sie sogar tödlich aus.
(Mitglieder des Magistrats Stadtverordnete und viele städtische Beamte, - wie zum Beispiel, die Stadträte Christian Wittrock, und Dr. Haarmann, jüdische Rechtsanwälte, Dir. Sauerland vom Wohlfahrtsverband und Oberinspektor Quer (infolge einer Verwechslung mit dem Stadtverordneten, Lehrer Quer von der SPD gehörten zu den Unglücklichen. Zum Teil wurden sie so starkt verletzt, dass sie wochenlang bettlägerig waren. In einem Fall - beim jüdischen Rechtsanwalt Plaut -waren die Folgen sogar tödlich.
Auch ich fehlte auf der Liste nicht. Nur der freundschaftlichen Verbundenheit mit dem Leiter des städtischen Untersuchungsamtes, Dr. Paulmann - einem prominenten Mitglied der Deutsch-völkischen Partei habe ich es zu verdanken, dass ich nicht auch misshandelt worden bin, denn als Leiter des Personalamtes hatte ich 3 500 bis 4000 Beamte zu betreuen und  hatte ich sehr viele Widersacher.

Von den Ausschreitungen hatte ich Lahmeyer sofort Mitteilung gemacht. In meiner Gegenwart rief er Gauleiter Karl Weinrich an (Stadtverordnete und Finanzobersekretär), um weitere Exzesse zu verhindern. Aus dem Ferngespräch musste ich schließen, dass auch er, auf die außer Rand und Band geratene unmenschliche SA- Horde nicht stark genug war einzuwirken.

(…)Zwei Parteigrößen -Dr. Schaulöffel und Langemann  - verlangten von mir die Herausgabe dr Personalakten der Beamten. Ich weigerte mich und verwies sie an den neuen Oberbürgermeister Dr. Lahmeyer. Aber auch er lies das nicht zu. In den Augen der Machthaber galt ich von nun an als politisch unzuverlässig und für den Posten des Leiters eine Personalverwaltung als ungeeignet.

Versetzung ins Versicherungsamt
An Lahmeyer wagte man sich nicht heran, weil man ihn als Aushängeschild für die Partei brauchte. Prompt wunde ich nach Einarbeitung eines Nachfolgers, Wallbach, von diesem Amt abgelöst und mit der Leitung eines mehr außerhalb der eigentlichen städtischen Verwaltung stehenden Amtes, des Versicherungsamtes der Stadt beauftragt, der Aufsichtsinstanz über sämtliche Orts,- Betriebs- und Innungskrankenkassen im Bereich der Stadt, und der Spruch- und Beschlussinstanz bei Streitigkeiten im Versicherungsrecht. Ich wurde hier der Nachfolger von Paul Nagel, der als Direktor des Versicherungsamtes wegen seiner Zugehörigkeit zur SPD zuvor in den Ruhesand versetzt worden war. Die rücksichtslosen Maßnahmen der NSDAP gingen sogar aufgrund inzwischen geschaffener Gesetze soweit, dass dem früheren Oberbürgermeister das Ruhegehalt aberkannt wurde. Wie mir OBM Lahmeyer später einmal mitteilte, suchten die neuen Machthaber nach Gründen auch zu meiner Entlassung aus dem städtischen Dienst. Sie haben aber wahrscheinlich einen triftigen Grund  nicht gefunden oder Lahmeyer hat sich schützend vor mich gestellt.

Bei dieser Sachlage war es mit völlig klar, dass ich als NICHT PG nicht mehr lange in meiner jetzigen Amtstelle als Leiter des Haupt- und Personalamtes und als persönlicher Referent des OBM verbleiben würde. So war es dann auch.

Einige Monate nach Einarbeitung  meines Amtsnachfolgers wurde ich meiner derzeitigen Amtsobliegenheiten enthoben und mit der Leitung des städtischen Versicherungsamtes betraut, einer von der eigentlichen inneren städtischen Verwaltung getrennten Dienststelle. Wie der Name besagt, sie war Aufsichtsinstanz über das gesamte Krankenkassenwesen, sowohl Spruch- und Beschlussinstanz auf sämtlichen Gebieten der Sozialversicherung in erster Instanz (zu vergleichen mit dem heutigen Sozialgericht).” WS

Sippenhaftung
Selbst vor der privaten Sphäre einzelner Menschen machte das national-sozialistische Regime nicht halt.  Mutter war 1937, 77jährig, gestorben, Für die Beerdigung ließ meine Frau eines ihrer Kleider aus Ersparnisgründen, dem damaligen Gebrauch entsprechend, von einer Hausschneidern verändern. Während der Arbeiten stellten die Frauen fest, dass noch ein schwarzes Bändchen die Ansehnlichkeit des Kleides  wesentlich heben könne. Flux machte sich meine Frau auf dem Weg, damit die Schneiderin inzwischen ungestört an dem “großen Werk”  weiterarbeiten konnte. Sie kaufte das wertvoll Stück - wie ich später erfuhr - in dem benachbarten jüd. Textilgeschäft von Groß, Ecke Kunoldstraße/Wilhelmshöher Allee, Kaufpreis 80 M. Wie sich später herausstellte war meine Frau beim Einkauf von der Leiterin der Kreisfrauenschaft, Frau Se…, beobachtet worden. Diese als fanatische Nationalsozialistin bekannte Frau hatte nichts eiligeres zu tun, als von diesem unerhörtem Vorgang der Kreisleitung Mitteilung zu machen. Diese teilte selbstverständlich dieses “schreckliche Vergehen” dem OBM mit und forderte Bestrafung des Ehemannes wegen unwürdigen Verhaltens der Ehefrau.

Als mich Lahmeyer wegen der gegen mich erhobenen Beschuldigung vernahm, konnte ich dazu keine Stellung nehmen; denn ich wusste gar nichts über den Einkauf und die Begleitumstände. Als meine Frau die Richtigkeit des Sachverhalts bestätigte, machte ich OBM Laymeyer noch am gleichen Tag von dem Anlass meiner Frau Mitteilung.  Als Disziplinarvorgesetzter bestrafte mich OBM L. dann mit einem schriftlichen Verweis mit Vollzugsmeldung an die Kreisleitung.

Freundschaften
Freunde in der Not gehen hundert auf ein Lot. Dieser alte Spruch findet immer wieder von neuem seine Berechtigung. Und so wird es bei der Unzulänglichkeit des Menschen auch immer bleiben, solange das Menschengeschlecht  existiert.
(es folgen Betrachtungen zu Roland Freisler und die Art seines Auftretens auch in der Stadtverordnetenversammlung, wie schon geschildert) … Diese kleine Abschweifung ist notwendig zum Verständnis des in jener Zeit im Rathaus herrschenden Ungeistes. Als junger Mensch , im öffentlichen Dienst stehend, hatte ich auch viele Bekannte und Freunde. Mit zweien von ihnen pflegte ich  besonders freundschaftlichen Beziehungen. Mit dem Einen, einen Juden, K. Kän. war ich von frühester Kindheit befreundet. Der stammte aus einer streng gläubigen Familien anderen hatte ich als Kollege im städtischen Dienst kennen gelernt. Er zählte zu den sog. “Reinrassischen Ariern”  und wurde später auch Mitglied der NSDAP . Im Laufe jahrelanger Zusammenarbeit im Rathaus waren wir gute Freunde geworden. Über den wert von Freundschaften hatte ich mir bisher eigentlich kaum Gedanken gemacht. In der Nazizeit konnte ich ihre Brüchigkeit und Haltbarkeit sehr bald erkennen.
Es war bekannt, dass ich im Rathaus zu den wenigen “NICHT PG´S gehörte. Berufliche Nachteile waren daher absehbar. Wenn mein alter Kollege und Freund  mir gelegentlich im Rathaus begegnete - er leitete ein größeres Amt am andren ende des Hauses, so wich er schon von weitem einer Begegnung mit mir aus - wenn er noch konnte um ja nicht in den Verdacht zu geraten, mit einem Nicht PG freundschaftlich verbunden zu sein. Dies hätte ja seinem berufl. Fortkommen schaden können.

Anders dagegen verhielt sich mein alter Jugendfreund, der “Nichtarier”, wenn wir uns am Anfang der Nazizeit auf der Straße begegneten, wich auch er vor mir aus - wenn er noch konnte,  aber aus einem ganz anderen Beweggrund. Als ich ihn am Lutherplatz einmal darauf ansprach, begründete er sein mir bis dahin unverständliches Verhalten damit, dass er mich nicht des Verdachts aussetzen wolle, als öffentlichen Dienst stehender Mann freundschaftliche Beziehung mit Juden zu pflegen.

Prof. Sautter stand nachdem er erfuhr, das ich zum OBM eingesetzt wurde, jeden Morgen vor meinem Amtzimmer und gab mir eine Stunde lag gute Ratschläge und versuchte mich zu mentorisieren. Schließlich gab ich ihn zu versehen, dass ich nicht den morgen soviel Zeit hätte, ihn zu empfangen - danach war ich ihn los.

Haben  sie auch ihren ERFAHRUNGEN im Nationalsozialismus Lehren gezogen, für die Politik und ihre Beteiligung einer demokratischen Grundordnung NSDAP -
N E I N – im US Fragebogen am 15. Mai 1945.
Das kann nur bejaht werden, denn wir ehren die drei Amtsträger, die in unterschiedlicher Weise bis zuletzt für den NS-Staat tätig gewesen waren für ihre Kommunalpolitik in der Nachkriegszeit.

Sollen wir Ihre Verdienst, die nicht bestritten werden, für die Stadt und der Stadtgesellschaft wegen der Anpassung  in der NS-Zeit aberkennen?

Das wäre meiner Ansicht nach nicht gerechtfertigt, denn sie haben die Ehrungen für ihre Tätigkeit nach 1945 bekommen, wo sie bewiesen haben Lehren aus der Vergangenheit gezogen zu haben. Warum billigt man ihnen das nicht zu?

Lauritzen und Branner waren sicher Opportunisten aber Willi Seidel war seit 1903
Beamter der Stadtverwaltung und preußischer Verwaltungsbeamter durch und durch.
Ich unterstelle ihm und das geht aus seinen Erinnerungen hervor. Dass er immer um die Stadt und seinen Menschen besorgt war. Das wird auch deutlich, als er 1945 in Bad Wildungen eine Lungenentzündung auskurierte - die Bomber nach Kassel flogen und dort wieder ihr tödliche Last abwarfen - nicht mehr im Krankenhaus bleiben wolle und nach Kassel fuhr.
Die - so notierte er - die gepeinigte Stadt -  hat im Krieg soviel Unbill erlebt… und nicht genug - er hat sie beinah ausgerottet. Der so genannte Nachholbedarf zur Beseitigung der Kriegsschäden und Trümmer war ungeheuerlich. So beschloss er asl von amerikanischer Seite keine Hilfe oder Freilassung von Kriegsgefangenen zu erwarten war, zur Selbsthilfe. Die alte “Notdienstverordnung der Nazizeit” konnte jeden Bürger  der Stadt für eine Woche verpflichten zur Beseitigung der Trümmer einsetzt zu werden. Alle Maßnahmen und Anordnungen wurden mit den Dezernenten abgesprochen.

Die Amerikaner bestanden darauf so schnell wie möglich Erfolge im Wiederaufbau zu  sehen. So ging es jetzt vorwärts.

Auch die wieder eingesetzten NS-Stadträte dienten diesem Ziel und hier musste sich Seidel auf die früheren Baustadtrat Heineke  - zus. Sachbearbeiter Finanzen, W. Wittrock Personal und Organisation Angelegenheiten (Voßhage) und  Bürgermeister Weißmann als Finanzdezernat. Seidel verließ sich auf die Mitarbeiter, die er aus eine rrbeit im Rathaus kannte und ihre Qualitäten genau kannte.
ER Schreibt;:” Keiner der nächsten Mitarbeiter hat mich enttäuscht, alle auch die Bevölkerung haben alle ihr Bestes gegeben.. Ohne ihre vorbildliche Dienstbereitschaft wäre es nicht möglich gewesen, bereits Anfang des Jahres 1946 der allergrößten Not der Bevölkerung zu steuern.

Für Willi Seidel spricht auch die Anerkennung für die Eingemeindungen der Vororte
Und für die Aufstellung der Pläne für den Katastrophenfall, die tausende Kasseler das Lebenrettete.

WS